Da könnte jetzt was deine Heimat werden – Interview mit Deyar Teil 3/3

Ich: Du hast mir mal erzählt, dass es dir ziemlich schwer fällt, voraus zu denken. Oder dass du das gar nicht so gerne magst, dass du eigentlich ziemlich gut darin bist im Moment zu leben.

Deyar: Das stimmt.

Ich: Das finde ich beeindruckend und ich glaube auch, dass ziemlich viele Menschen sich wünschen würden so zu denken oder so zu leben. Es wird ja im Zusammenhang mit Achtsamkeit gesagt, dass es wichtig ist im Moment zu sein. Wie machst du das?

Deyar: Diese Spontanität ist ein Teil von mir. Wenn ich jetzt hier bin, dann bin ich hier. Und das einzige, woran ich im Voraus denke ist, dass ich morgen pünktlich hier bin und meine Kunden auf mich warten. Aber wie ich dann den Ablauf mache, daran denke ich nicht. Ich denke nicht daran, was ich gerne morgen machen würde. Alles spontan, genau wie dieses Gespräch.

Ich: Aber Sponanität halt:

Deyar: Ja, ist alles spontan. Wenn ich eine Idee habe, dann mache ich das. So auch mit der Baustelle, das war am Donnerstag. Da hatte ich die Idee, dass ich das machen wollte, Samstag habe ich dann direkt angefangen loszulegen. Und es kommt Vieles von alleine, wirklich. Das ist dann auch das Beste aus dem Moment heraus und ich genieße das voll. Ich neheme das Leben als Theaterbühne, wirklich.

Ich: Wo du improvisiert.

Deyar: Ja sehr, besonders hier im Salon kann ich diese Spontanität leidenschaftlich ausleben. Jedes Mal habe ich ein anderes Gespräch oder ich bin dann anders. Dieses nicht geplante, nicht zu Ende gedachte. Den ganzen Salon als Theater nehmen. Das ist das Geilste daran. Das kannst du auch machen, wenn du glücklicher bist, wenn du du selbst bist. Meine Angestellte haben damit wirklich ein Problem, dass ich nichts plane, dass ich wirklich nicht vorausschauend bin (lacht). Aber das will ich auch nicht mehr haben.

Ich: Das heißt, wenn sich da jemand einen Tipp holen will, irgendwie versuchen sich die Bühne im eigene Leben zu suchen.

Deyar: genau eine Bühne. Das versuche ich den Leuten zu sagen: Mach daraus eine Bühne, wo du dich am meisten aufhältst und dann wirst du mehr Spaß im Leben haben. Also wenn du jetzt auf die Arbeit gehst, ins Büro, nutz das als Bühne. Dann kommst du wirklich geiler an den Tag ran. Geht da hin und sag – „ich bin heute Schauspieler“ und mit abgefuckter Stimme oder mit angefuckter Laune, dann läuft dein Tag, wirklich! Oder auch wenn ich schlafe. Ich hab schon mit meinem Arzt darüber geredet, weil ich manchmal schlecht einschlafen kann. Er hat mich gefragt, was das Problem wäre. Ich habe ihm gesagt – „ja weiß ich nicht, wenn ich ins Bett gehe dann dauert das bei mir bis ich einschlafe.“ Er hat gefragt, was ich denn vor dem Einschlafen machen würde und ich habe es ihm dann erzählt: „Ja wenn ich ins Bett gehe, dann mache ich die Augen zu und auf einmal drehe ich Filme.“ Er fragt mich, was das für Filme wären. „Ja, ich bin der Regisseur und auf einmal bin ich der Präsident oder ich habe 20 Schafe und eins ist verschwunden und muss es dann suchen. Dann kommt der Nachbar und dann stellt sich heraus, dass der die gegessen hat. Das werden dann immer so lange Filme und ich bin ein richtig guter Regisseur. Und während ich filme, z.B. wie ich den Laden verändere, dann habe ich voll den Plan wie ich das renovier und umstelle. Und dann stehe auf einmal am nächsten morgen im Laden und stelle fest – „ach ist doch nichts passiert, scheiße, jetzt mache ich aber mal den Laden.“ Daraufhin hat mein Arzt empfohlen, dass ich mal versuchen sollte kürzere Filme zu drehen, eher so Trailer, damit ich schneller einschlafe. Aber nein nein, das muss immer zwei Stunden sein. So ist das wirklich in meinem Leben, ich nehme es als Bühne. Mit meiner Spontanität hat sich auch mein ganzer Freundeskreis abgefunden. Kann sein, dass ich morgen anrufen – „ey lass mal das und das machen.“ Die kennen nichts anderes von mir. Die sagen, das ist typisch Deyar, dieses Spontane, dieses nicht Überlegte, das bin ich halt. Ich habe nicht überlegt aber dafür gemacht. Aber ich mache vieles auch sofort, weil ich es hasse Arbeit auf morgen zu schieben. Wenn es mir auffällt und mir gefällt, dann mache ich das, so lange bis ich keine Lust mehr darauf habe. Und ich versuche nie die Aufgabe auf morgen zu verschieben.

Ich: Auch wenn du jetzt nicht so viel planst, guckst du denn optimistisch in die Zukunft?

Deyar: Also durch das Geschäft muss ich mich schon ein bisschen an der Zukunft orientieren. In Deutschland bist du gezwungen als Unternehmer an die Zukunft zu denken. Aber privat nicht. Vielleicht irgendwann mal heiraten, aber das dauert. Weiß nicht. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass ich mal verheiratet bin. Das bedeutet dann wieder mehr Verantwortung und Planung, weiß ich nicht.

Ich: Das ist ja schon interessant, dass deine Eltern sagen, dass du eher in der Vergangenheit lebst, so mit den Geschichten, aber im Alltag eher so im Hier und Jetzt lebst.

Deyar: Ja, das ist der Grund, warum ich nicht an die Zukunft denken mag. Wenn ich an die Zukunft denke, dann denke ich, das was ich jetzt habe, das ist dann Vergangenheit und das finde ich dann mega traurig. Das will ich dann auch nicht sehen. Ich würde nicht sagen, dass ich Verlustängste habe. Aber ich weiß, dass sich alles ändert und das mag ich nicht. Deshalb denke ich nicht gerne an die Zukunft. In der Moderne wird alles immer anonymer und diese Entwicklung setzt sich fort, finde ich. Ich habe die Angst, dass wir Menschen irgendwann nicht mehr in der Lage sind uns selbst zu versorgen. Und wenn ich zu lange in die Zukunft denke, dann stelle ich mir vor, dass alles was heute hier ist, morgen kaputt sein kann. Deshalb stört es mich, an die Zukunft zu denken. Vielleicht muss ich diese Art zu denken ändern und an schönere Sachen denken.

Ich: Passt ja, ich sehe da kein Makel dran, so zu denken. Du bist ja mal von einem Land in ein anderes gezogen. Was sind denn deine 3 großen Dos and Dont’s wenn man in irgendein anderes Land zieht. Was sollte man da tun, was nicht. Was ist deine Erfahrung?

Deyar: Man darf sich auf gar kein Fall gegen das Gesetz stellen. Was auch nicht für mich geht, ist es den Klugscheißer zu spielen. Das wird nicht gern gesehen, wenn du woanders fremd bist. Was du auf jeden Fall machen musst, offen und freundlich sein, Hilfe annehmen und nach Hilfe fragen. Und selbst hilfsbereit sein. Wenn du selber jemandem helfen kannst, dann bekommst du auch etwas zurück. Aber nicht enttäuscht sein, wenn du nicht direkt  etwas zurück bekommst. Du solltes ohne Erwartungshaltung helfen. Irgendwann kriegst du aber irgendwie auch zurück, natürlich. In einem anderen Land zu leben, musst du auch Opfer bringen und auch auf manches verzichten. Im neuen Land solltest du die neue Kultur akzeptieren. Ich zum Beispiel lebe nun sowohl irakische als auch deutsche Traditionen, bzw. Bonner Tradition würde ich sagen. Ich akzeptiere das und mich stört das nicht, dass zum Karneval auf der Straße gesoffen und gefeiert wird, ich finde das voll geil und mache  mit. Und bei meinen irakischen Traditionen mache ich auch mit. Ich versuche mich dann in die Kulturen zu mischen.

Ich: Das heißt Karneval ist was für dich?

Deyar: Oh ja.

Ich: wärst du gerne mal Prinz?

Deyar: Aber sofort!

Ich: Was wäre deine erste Amtshandlung?

Deyar: Ich würde Konfettiverbot durchsetzen machen, weil mich das stört (lacht). Und auf jeden Fall an ganz vielen Karnevalssitzungen teilnehmen, alles mitmachen, die Bundeskanzlerin besuchen.

Ich: Was würdest du bei der Gelegenheit denn der Bundeskanzlerin gerne sagen?

Deyar: (überlegt) Dass ich sehr dankbar bin.

Ich: Wofür?

Deyar: Dass sie in ihrer Amtszeit, durch ihr Amt, anderen Menschen in Not ermöglicht hat, ein neues Leben zu beginnen. Dank ihrer Politik ist für viele Menschen ein neues Leben entstanden, auch für mich. Ob das jetzt nur sie war oder auch andere, aber sie ist die Kanzlerin. Außerdem ist sie für mich als Frau ein Vorbild so stark zu sein, weil ich kannte starke mächtige Frauen so nicht. Sie ist bestimmt ein interessanter Mensch, die ich gerne mal treffen würde. Für mich ist die stärker als der gesamte arabische nahe Osten.

Ich: glaube wir sind am Ende. Nur noch eine Frage. Wo soll denn dein Weg noch hingehen.

Deyar: Deutscher Meister

Ich: Im Frisieren?

Deyar: Ja, ich will den Titel unbedingt haben! Dieses Jahr versuche ich es noch mal

Ich: Hast du es letztes Jahr schon mal probiert?

Deyar: Letztes Jahr hat es die Alex gemacht und ich war ihr Assistent. Das fand ich mega cool zu sehen, wie das alles abläuft. Aber ich fand das irgendwie nicht fair bewertet, keine Ahnung. Die Atmosphäre war aber richtig cool. Den Titel deutscher Meister zu sein, den will ich unbedingt. Das hat für mich eine andere Bedeutung als Iraker deutscher Meister zu werden. Diese Art zu denken das finde ich irgendwie motivierend, ok mach mit, auch du kannst deutscher Meister werden. Das motiviert mich, das würde ich gerne meinen Verwandten und meiner Familie zeigen. Ich mache das aber nicht für das Geschäft, nur für mich. Danach sage ich nicht – „ok jetzt bin ich deutscher Meister und alles kostet 50 Euro mehr, nein, nein. Das ist nur für mich und um meinen Eltern zu zeigen, „guck, laut meiner Karriere habe ich es doch als Friseur geschafft nicht nur Haare zu schneiden, sondern habe auch mein Diplom bekommen. (lacht)

Ich: Aber neben Friseur,  habe ich heute gelernt bist du ja auch Schaupieler, Regisseur, Geschichtensammler und Künstler.

Deyar: Künstler weiß ich nicht. Ich bezeichne mich manchmal als Künstler, dann lachen meine Angestellten immer. Die sagen – „ach, da kommt der Künstler.“ Künstler zu sein liegt immer im Auge des Betrachters. Ich sag nur mein Leben ist Kunst. Mein ganzes Leben spielt sich wie ein Schauspieler. Aber selber bin ich kein Schauspieler und Künstler bin ich auch nicht. Das Leben spielt mit uns und das Leben gibt uns Kunstwerke, aber selber bin ich kein Künstler.

Ich: Ja cool Deyar, ich glaub das wars oder? Letzte Worte noch?

Deyar: Ich haben den coolen Lennart kennengelernt. Wie lange kennen wir uns.

Ich: 2 Jahre oder so, um und bei. So lange wie der Bart ist.

Ende

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